Generation McKinsey. Gedanken zu Toni Erdmann

Suntec City Mall, Singapore, photo by jimmyweee
Suntec City Mall, Singapore, photo by jimmyweee

Nachdem Toni Erdmann mit Lob und Preisen überhäuft wurde (und ich mich auch über einen Oscar gefreut hätte), sich bei mir nach kürzlich erstem Sehen des Films neben Faszination und Begeisterung jedoch auch ein Unbehagen einstellte, habe ich versucht, dieses zu ergründen.

Vorweggeschickt: Toni Erdmann ist wunderbar gespielt, präzise und feinfühlig geschrieben, inszeniert und geschnitten, sehr oft sehr komisch und in den fast drei Stunden keine Minute langweilig. Die folgende Kritik richtet sich deshalb weniger gegen den Film selbst als gegen seine Rezeption und die gesellschaftlichen Verhältnisse, deren Produkt und Abbild er ist.

Toni Erdmann ist Produkt und Abbild eines liberalen (Bildungs-)Bürgertums, genauer gesagt einer westdeutschen „Mitte-Links-Nachkriegsgeneration“ (Vater Conradi aka Toni Erdmann) und ihrer Kinder (Tochter Conradi, die Unternehmensberaterin).

Diese Generationen wiederum – insbesondere letztere – sind Produkte der Kultur des Kapitalismus. Da sie Effizienz zum Ziel hat, fördert und fordert die Kultur des Kapitalismus nicht das Widerständige und Sperrige, sondern das Glatte und Uniforme. Der Blick des Films ist der unter dieser Maßgabe geformte Blick der Unternehmensberater. Gleich jenen interessiert sich der Film nicht für das Land, in dem er spielt.  Seine Schauplätze  – die Hotellobbys, Konferenzräume, Apartments, Diskotheken und Shopping Malls – könnten überall sein: Dubai, Singapur, Berlin. Gezeigt wird die Filterblase der „Nicht-Orte“ des Kapitals und seiner Vertreter (die es sich leisten können, in ihr zu konsumieren). Das Elend und die Wirklichkeit derer, die diese Filterblase ermöglichen, soll und darf für die Kinder McKinseys nicht gezeigt werden und muss im Film wie in der Realität verborgen bleiben. Ein schönes Beispiel hierfür ist die kleine Geschichte der russischen Frau des Vorstands des Ölunternehmens, das Conradis Firma berät: Während ihr Mann seinem Business nachgeht, möchte sie während ihres Besuchs in Bukarest gerne „shoppen“ gehen. Dies tut sie dann auch in einer Mall – als gäbe es das exakt selbe Zeug nicht auch in den Malls von Frankfurt oder Moskau zu kaufen.

Wie in fast all seinen Figuren und Szenen bedient Toni Erdmann hier ein Klischee. So fein und stimmig die Beobachtungen im Detail auch sind (Klischees sind Klischees, weil sie eben oft doch der Wirklichkeit entsprechen), so nuanciert und faszinierend das Spiel von Sandra Hüller und Peter Simonischek auch ist, ihre Figuren bleiben doch mehr Idee als „echte Person“, lassen fast keinen Raum für Ambivalenzen, Widersprüche und Fragen. Andererseits will der Film aber gar nicht „überdrehte“ Satire oder Komödie sein, sondern ganz realistisches Drama (mit atmender Handkamera). Doch wahre Härte, wahren Schmerz oder wahre Freude zeigt er (so gut wie) nicht, bleibt (deutsch) unterkühlt, nimmt letztlich ganz die Position der Unternehmensberaterin Ines Conradi ein, die sich weder für das Land noch die Menschen noch ihren Vater noch ihre eigenen Gefühle interessiert. Toni Erdmann ist, so wie er ist, insofern völlig stimmig – „der richtige Film über das falsche Leben“. Doch brauchen wir das? (Und ist die Figur der Ines Conradi wirklich so stimmig?)

In einer der wenigen – gar einzigen? – kritischen Auseinandersetzungen der deutschen Publizistik mit Toni Erdmann hat Christoph Hochhäusler diese „Stimmigkeit“ ebenfalls irritiert, wobei er anmerkt, dass doch nicht alles so stimmig ist, wie es scheint:

„Und auch wenn der Ton erstaunlich oft stimmt, der Film wirklich genau gearbeitet ist, stimmt er eben beileibe nicht immer, und übrigens oft dann nicht, wenn es um die Welt der Deals, der Wirtschaft geht. Und wo die Stimmigkeit zu Anfang vor allem ein bisschen langweilig ist, werden die Misstöne in der Beschreibung der Unternehmer und Unternehmensberater tendenziell denunziatorisch – was vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass hier Recherche vor Erfahrung geht. Dass „Managertypen” eigentlich Hanswurste sind, ist im (deutschen) Kino ohnehin Konsens.

Natürlich bleibt der Film auch sonst nicht durchweg „realistisch”. Allerdings versucht die Regie immer, allegorische Ideen ins Alltägliche zu überführen. Der Film fürchtet sich vor Lücken, will nahtlos sein – und diese integrierte Oberfläche ist es vermutlich, die Vielen als das eigentlich „Meisterhafte” gilt. Auch mich beeindruckt die zuverlässige Textur des Films, das „Landschaftliche” – richtig finde ich sie nicht.“

Außerdem wirft Hochhäusler dem Film vor, dass die „Unternehmenswelt (…) wenig überraschend die Rolle des Entfremdeten [einnimmt], während das Echte sich natürlich im „primitiven” und „ursprünglichen” Rumänien findet (…). Der Film tut so – und da ist er sich mit der deutschen Öffentlichkeit ganz einig – als könnte es ein anständiges, ursprüngliches Außen geben. Gleichzeitig sichert er sich gegen weitergehende Forderungen ab, indem er die Unternehmensberater-Tochter den Zusammenhang unseres Wohlstands mit den Ausbeutungsverhältnissen anderswo als alternativlos behaupten lässt.“

Obwohl Hochhäusler mit Letzterem nicht Unrecht hat, könnte man dem Film im Gegenteil zu Gute halten, dass er dies bis auf zwei Episoden – die Eiermal- und Kloszene – gerade nicht zur Geschichte des Films werden lässt. Die Variante gefühlskalte(r), zynische(r) Protagonist(in) kommt durch widrige Umstände mit sich und einer anderen Wirklichkeit in Kontakt und verändert dadurch sich und ihren/seinen Blick auf die Welt, ist schon tausendmal erzählt und birgt andere Klischees und Vorhersehbarkeiten. Dass Toni Erdmann gerade nicht diesen dramaturgischen Weg wählt, ist vielleicht sogar seine stärkste Aussage: dass man nämlich eben nicht (wie im Film) so leicht etwas an sich/der Welt ändern kann.

Dennoch bleibt das dramaturgische Problem, dass wir das alles schon kennen, die Rollen von Anfang an klar verteilt sind und wir – bis auf die großartige Schlussnacktszene – immer wieder nur unsere Erwartungen und Einsichten bestätigt bekommen. Keine der Figuren lässt seinen Emotionen freien Lauf, lässt den Zuschauer wirklich an sich heran oder stellt etwas wirklich in Frage. Dies mag in der Figur von Ines Conradi ein schlüssiges und treffendes Abbild der Selbstdisziplinierung des Subjekts im Zeitalter des Neoliberalismus sein, doch irritierend bleibt, dass der Film in seiner Grundkonstellation vorgibt, dies in Frage zu stellen, es aber dann auf eine Art und Weise macht, die niemandem weh tut und auch niemandem weh tun will. In einer sehr schönen Schlüsselszene stellt Ines ihrem Vater Winfried/Toni die Frage, was er denn vom Leben noch wolle, außer jemandem ein Furzkissen unterzuschieben. Auf den gegenwärtigen Zustand der Bundesrepublik bezogen mag dies die traurig-treffende Pointe sein, doch brauchen wir das?

Brauchen wir Filme, die unsere Klischees über abgefuckte Unternehmensberater/Innen bestätigen und uns mit Teddybär Toni einen kuscheligen Antihelden geben, mit dem wir über die Absurdität und Krankheit der (vermeintlichen) „Leistungsgesellschaft“ lachen können, ohne uns dabei jedoch selbst in Frage zu stellen? Denn ist der Witz an der Sache nicht vielleicht folgender: Die Figur Toni Erdmann wäre uns gutbürgerlichen Mittelschicht-Wohlstandsdeutschen als „echter Vater“ auch peinlich. Im Film lieben wir ihn und sind ganz auf seiner Seite, doch in Wirklichkeit sind wir viel eher wie Ines Conradi. Wir machen brav unseren Job (den wir im Innersten womöglich auch nicht wirklich toll finden), gehen auch mal über Leichen (weil die systemischen Zwänge es erfordern) und selbst wenn wir nicht für McKinsey durch die Welt jetten, machen wir doch mal gerne Urlaub auf den Kanaren oder Zypern, während ein paar Kilometer weiter Krieg und Elend herrschen. Wir alle finden das ganz furchtbar und finden alle die Figur Toni super, sind aber selbst doch wie Ines Conradi. Die macht auch weiter. Wenn nicht in Shanghai dann in Singapur.

Die allgemeine Begeisterung und der Zuspruch zu Toni Erdmann ist insofern vergleichbar mit der allgemeinen Empörung und Ablehnung von Donald Trump: völlig berechtigt und doch zu bequem und – ungewollt – auch verlogen bzw. völlig inkonsequent. Wir sehen uns alle auf Seite der Guten und bestärken uns gegenseitig darin, „das Andere“ schlecht zu finden, aber etwas ändern an dem, was wir für falsch halten und de facto repräsentieren und reproduzieren, tun wir nicht. Ein falsches Gebiss ist lustig, aber es ist – leider – keine Antwort auf die Gnadenlosigkeit eines ökonomischen Systems, in dem wir alle Opfer und Täter zugleich sind.

Das Fatale und eigentlich Traurige des Films ist, dass er – und dies ist, wie gesagt, zugleich vollkommen folgerichtig – keinen Ausweg, keine Antwort, keine Alternative sucht, bietet, findet, ja insofern letztlich das bestärkt, was er (vielleicht nur scheinbar?) kritisiert.

Brauchen wir deshalb nicht doch eher Filme, wie sie uns das schlampige Genie Werner Herzog zuletzt mit „Salt and Fire“ abgeliefert hat? Salt and Fire enthält zum Teil unerträgliches Geschwätz, neben einigen guten eine Menge ziemlich blöder Gags, kleistert die Bilder stellenweise unerträglich mit Musik zu, ist zuweilen unerträglich bedeutungsschwanger und nimmt dann doch wieder sich selbst und was er erzählt nicht ernst, ist im Detail oft schlecht geschrieben und geschnitten bzw. grundsätzlich schlampig gearbeitet (Geldmangel?) und zudem bisweilen unangenehm eitel (eine der Schwächen Herzogs), doch hat er eine anarchische Urkraft (Erdmann), die der Generation Smartphone (Ines) womöglich abhanden gekommen ist. Herzog – und auf eine ganz andere Weise auch Jim Jarmusch in seinem wundervollen „Paterson“ – zeigen uns eine Alternative zur kalt-berechnenden Welt des Kapitals. Sie zeigen uns Poesie, Magie, Wunder, Rätsel, Liebe, Schönheit, Spiel, Natur.

Man könnte Herzog und Jarmusch dabei einen gewissen Eskapismus vorwerfen, doch dass sie sich der Realität von Smartphone und Kapital verweigern und ihr etwas Eigenes entgegensetzen, darin liegt ihre Kraft. Herzog und Jarmusch fordern uns heraus, die Dinge anders zu sehen, als sie scheinbar sind bzw. als uns die Ideologie des Kapitals glauben machen will, wie sie zu sein hätten. Herzog und Jarmusch erheben Widerspruch und stellen uns und die Welt in Frage.

Insofern: Ja, wir brauchen Filme, die so sensibel und gut gemacht sind wie Toni Erdmann, aber vor allem brauchen wir Filme, die so sind wie die Figur Toni Erdmann. Die sich Konventionen widersetzen, die sperrig und widerborstig sind, die nicht ins biedere Programmschema von ARD und ZDF passen. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr Herzog und weniger McKinsey (und mehr Platz für sperrige Filme auch im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender).


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